| Räumungsverkauf bei "Eisen
Werner"
Bornheimer Traditionsunternehmen schließt
nach über 100 Jahren
Von Annik Aicher
Ein scheinbar ganz normaler Nachmittag
bei „Eisen Werner“ in der Bornheimer Wiesenstraße 10.
Die Sonne blinzelt durch eine Fensterluke in den Verkaufsraum, der vollgestellt
ist mit allem, was Heim- und Handwerker so brauchen. Große, kleine,
dicke, dünne Schrauben lagern in unzähligen Schubladen aus Holz,
in Kästchen und Kistchen. Flache, runde spitze, stumpfe Zangen hängen
an der Wand. Das Licht fällt auf Bandschleifgeräte, Bohrmaschinen,
Sägen, Plastikköpfe für Wasserschläuche, Schaufelblätter.
Die Kunden geben sich die Klinke in die Hand, halten einen kleinen Schwatz,
bezahlen Nägel, Muttern oder Werkzeug und gehen wieder nach draußen.
Manchmal klingelt das Telefon eine kleine, aufgeregte Melodie. Doch es
ist kein normaler Tag für Helga Stamm und ihre Tochter Christa, die
hinter dem Ladentisch stehen.
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| Für Helga Stamm
(links) und ihre Tochter Christa war das Verkaufen immer mehr als
nur ein Job. Foto: Annik Aicher |
„Traurig“ und „Schade“
- das sind die Worte, die heute am häufigsten fallen. Denn der Familienbetrieb
muss schließen. 1888 von Johann Adam Werner gegründet, übernahmen
die Stamms 1951 das Geschäft. Nach dem überraschenden Tod des
Seniorchefs Heinrich Stamm vor rund zwei Jahren wurde bald klar, dass
die Tage der Bornheimer Institution gezählt waren. Seine 44-jährige
Frau Helga und die Tochter Christa sind zwar erfahrene Fachfrauen. Doch
wegen einer Krankheit kann die Mutter nicht mehr weiterarbeiten. „Dann
wäre ich hier ganz alleine im Laden“, antwortet Christa Stamm
einem Kunden auf die Frage, warum „Eisen Werner“ nur noch
bis zum 30. Juni geöffnet hat. „Ich hätte keinen Urlaub,
dürfte nie krank werden.“ Und ein Angestellter käme zu
teuer. Ihre 19-jährige Tochter Maria, die gerade den passenden Holzleim
für eine Kundin sucht, hat andere Berufswünsche. Sie will Grafikerin
und Illustratorin werden. Der Sohn Jan hat ebenfalls andere Pläne:
Als Koch oder Konditor möchte der 15-jährige seine Brötchen
verdienen. Ende des vergangenen Jahres beschlossen die Stamms schweren
Herzens aufzuhören. Und so hängte das Frauen-Team am Freitag,
16. Mai, das Schild „Räumungsverkauf“ in die Vitrine
außen vor dem Laden.
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| Beim
Räumungsverkauf können Nostalgiker auch seltene Stücke
entdecken. Wie die Vorläufer des Dübels: Hülsenschrauben,
die in die Wand eingegipst wurden. Foto: Annik Aicher |
„Räumungsverkauf“ - ein
Wort, 15 Buchstaben und noch mehr Gefühle. „Vorige Woche gab’s
schon die ersten Tränen“, erzählt Christa Stamm. Ein Kunde
hatte den alten Schlüsselschrank mit den riesigen, betagten Schlüsseln
gekauft. „Oll und vergammelt“ habe der Metallkasten schon
seit Jahrzehnten zum Inventar gehört. Jetzt ist da eine Lücke.
Die 44-jährige konnte die Tränen nicht zurückhalten. „Es
war so endgültig.“ Ihr wurde klar, dass es kein Zurück
mehr gab. Trübsal auch bei den Stammkunden, als sie vor geraumer
Zeit von der Schließung erfuhren. Ein Mann, der schon als Kind mit
seinem Vater in den Laden gekommen war, hatte sich daraufhin mit einer
Flasche Sekt und den Worten verabschiedet. „Ich guck mir die Demontage
nicht an.“ „Es berührt einen sehr“, versucht Helga
Stamm ihre Emotionen in einen Satz zu packen. Sie schweigt. „So
ist das halt“, seufzt sie dann. Für die Familie war das Verkaufen
mehr als nur ein Job: „Es haben sich viele schöne Freundschaften
entwickelt.“
Traurig ist auch der weißhaarige Kunde, der zur
Tür hereinkommt. Die Eisenwarenhandlung kennt er in- und auswendig.
Er erinnert sich noch gut an Johann Adam Werner, der seinen Betrieb zunächst
in der Bornheimer Arnsburger Straße hatte. Ein Bub war er damals,
70 Jahre ist das her. „Ich bin hier immer gut bedient worden“,
sagt er. Er verstummt und schaut zu Boden. “Eine Tradition weniger
– schade.“ „Das ist ein großer Verlust für
Bornheim“, findet auch Marianne Feidelberg, die gerade die Schraubenzieher
begutachtet. Sie besuchte immer gerne „den Eisen Werner“,
ging auch bei ausgefallenen Wünschen nicht leer aus. Wie heute, als
sie nach „kopflosen“ Nägeln für Leisten fragt. Maria
zählt die Metallstifte ab und packt sie in eine Tüte. „Traurig“,
meint Schreiner Olaf Diehl zur Geschäftsaufgabe. Seit 20 Jahren ist
er Stammkunde und darf auch ´mal selbst an die Schubladen, um versteckte
Schätze aufzufinden. „Das ist immer ein persönliches Einkaufen
gewesen“, sagt er. „Man hat auch mal gebabbelt.“ Als
„Romantiker“ habe ihm der atmosphärische Laden einfach
gefallen. Hier wurde er fündig, wenn er ausgefallene Dinge, wie alte
Möbelbeschläge oder Griffe suchte. Auch die fachliche Kompetenz
des Teams schätzte er. „Die wissen einfach, um was es geht.“
Was ab 30. Juni aus der ehemaligen Schlosserwerkstatt wird, weiß
niemand. Einen Teil der Waren will, laut Christa Stamm, die benachbarte
Firma Pohlmann übernehmen, wie auch einige Garantie- und Serviceleistungen.
„Eisen Werner“ wird es dann nicht mehr geben. „So ist
das halt“, sagt Helga Stamm. Und seufzt.
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Johann
Adam Werner gründet das Eisenwarengeschäft in der Arnsburger
Straße
„Eisen Werner“ zieht auf die Berger Straße, in
die Nähe der Saalburgstraße um
Umzug in die Wiesenstraße 4
Willi Stamm übernimmt den Laden
Umzug in die Räume einer ehemaligen Schlosserwerkstatt in der
Wiesenstraße 10
Heinrich Adam übernimmt den Betrieb von seinem Vater
Helga Stamm und Tochter Christa übernehmen das Geschäft
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Der Räumungsverkauf
endet am 14. Juni. Am 30. Juni 2003 schließt Eisen–Werner
endgültig seine Pforten.
Eisen-Werner,
Wiesenstraße 10, Tel. 069- 45 94 37.
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