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22.05.2003
Räumungsverkauf bei "Eisen Werner"
Bornheimer Traditionsunternehmen schließt nach über 100 Jahren

Von Annik Aicher

Ein scheinbar ganz normaler Nachmittag bei „Eisen Werner“ in der Bornheimer Wiesenstraße 10. Die Sonne blinzelt durch eine Fensterluke in den Verkaufsraum, der vollgestellt ist mit allem, was Heim- und Handwerker so brauchen. Große, kleine, dicke, dünne Schrauben lagern in unzähligen Schubladen aus Holz, in Kästchen und Kistchen. Flache, runde spitze, stumpfe Zangen hängen an der Wand. Das Licht fällt auf Bandschleifgeräte, Bohrmaschinen, Sägen, Plastikköpfe für Wasserschläuche, Schaufelblätter. Die Kunden geben sich die Klinke in die Hand, halten einen kleinen Schwatz, bezahlen Nägel, Muttern oder Werkzeug und gehen wieder nach draußen. Manchmal klingelt das Telefon eine kleine, aufgeregte Melodie. Doch es ist kein normaler Tag für Helga Stamm und ihre Tochter Christa, die hinter dem Ladentisch stehen.

Für Helga Stamm (links) und ihre Tochter Christa war das Verkaufen immer mehr als nur ein Job. Foto: Annik Aicher

„Traurig“ und „Schade“ - das sind die Worte, die heute am häufigsten fallen. Denn der Familienbetrieb muss schließen. 1888 von Johann Adam Werner gegründet, übernahmen die Stamms 1951 das Geschäft. Nach dem überraschenden Tod des Seniorchefs Heinrich Stamm vor rund zwei Jahren wurde bald klar, dass die Tage der Bornheimer Institution gezählt waren. Seine 44-jährige Frau Helga und die Tochter Christa sind zwar erfahrene Fachfrauen. Doch wegen einer Krankheit kann die Mutter nicht mehr weiterarbeiten. „Dann wäre ich hier ganz alleine im Laden“, antwortet Christa Stamm einem Kunden auf die Frage, warum „Eisen Werner“ nur noch bis zum 30. Juni geöffnet hat. „Ich hätte keinen Urlaub, dürfte nie krank werden.“ Und ein Angestellter käme zu teuer. Ihre 19-jährige Tochter Maria, die gerade den passenden Holzleim für eine Kundin sucht, hat andere Berufswünsche. Sie will Grafikerin und Illustratorin werden. Der Sohn Jan hat ebenfalls andere Pläne: Als Koch oder Konditor möchte der 15-jährige seine Brötchen verdienen. Ende des vergangenen Jahres beschlossen die Stamms schweren Herzens aufzuhören. Und so hängte das Frauen-Team am Freitag, 16. Mai, das Schild „Räumungsverkauf“ in die Vitrine außen vor dem Laden.

Beim Räumungsverkauf können Nostalgiker auch seltene Stücke entdecken. Wie die Vorläufer des Dübels: Hülsenschrauben, die in die Wand eingegipst wurden. Foto: Annik Aicher

„Räumungsverkauf“ - ein Wort, 15 Buchstaben und noch mehr Gefühle. „Vorige Woche gab’s schon die ersten Tränen“, erzählt Christa Stamm. Ein Kunde hatte den alten Schlüsselschrank mit den riesigen, betagten Schlüsseln gekauft. „Oll und vergammelt“ habe der Metallkasten schon seit Jahrzehnten zum Inventar gehört. Jetzt ist da eine Lücke. Die 44-jährige konnte die Tränen nicht zurückhalten. „Es war so endgültig.“ Ihr wurde klar, dass es kein Zurück mehr gab. Trübsal auch bei den Stammkunden, als sie vor geraumer Zeit von der Schließung erfuhren. Ein Mann, der schon als Kind mit seinem Vater in den Laden gekommen war, hatte sich daraufhin mit einer Flasche Sekt und den Worten verabschiedet. „Ich guck mir die Demontage nicht an.“ „Es berührt einen sehr“, versucht Helga Stamm ihre Emotionen in einen Satz zu packen. Sie schweigt. „So ist das halt“, seufzt sie dann. Für die Familie war das Verkaufen mehr als nur ein Job: „Es haben sich viele schöne Freundschaften entwickelt.“

Traurig ist auch der weißhaarige Kunde, der zur Tür hereinkommt. Die Eisenwarenhandlung kennt er in- und auswendig. Er erinnert sich noch gut an Johann Adam Werner, der seinen Betrieb zunächst in der Bornheimer Arnsburger Straße hatte. Ein Bub war er damals, 70 Jahre ist das her. „Ich bin hier immer gut bedient worden“, sagt er. Er verstummt und schaut zu Boden. “Eine Tradition weniger – schade.“ „Das ist ein großer Verlust für Bornheim“, findet auch Marianne Feidelberg, die gerade die Schraubenzieher begutachtet. Sie besuchte immer gerne „den Eisen Werner“, ging auch bei ausgefallenen Wünschen nicht leer aus. Wie heute, als sie nach „kopflosen“ Nägeln für Leisten fragt. Maria zählt die Metallstifte ab und packt sie in eine Tüte. „Traurig“, meint Schreiner Olaf Diehl zur Geschäftsaufgabe. Seit 20 Jahren ist er Stammkunde und darf auch ´mal selbst an die Schubladen, um versteckte Schätze aufzufinden. „Das ist immer ein persönliches Einkaufen gewesen“, sagt er. „Man hat auch mal gebabbelt.“ Als „Romantiker“ habe ihm der atmosphärische Laden einfach gefallen. Hier wurde er fündig, wenn er ausgefallene Dinge, wie alte Möbelbeschläge oder Griffe suchte. Auch die fachliche Kompetenz des Teams schätzte er. „Die wissen einfach, um was es geht.“ Was ab 30. Juni aus der ehemaligen Schlosserwerkstatt wird, weiß niemand. Einen Teil der Waren will, laut Christa Stamm, die benachbarte Firma Pohlmann übernehmen, wie auch einige Garantie- und Serviceleistungen. „Eisen Werner“ wird es dann nicht mehr geben. „So ist das halt“, sagt Helga Stamm. Und seufzt.

Chronologie einer Bornheimer Legende

1888 Johann Adam Werner gründet das Eisenwarengeschäft in der Arnsburger Straße
1900 „Eisen Werner“ zieht auf die Berger Straße, in die Nähe der Saalburgstraße um
1913 Umzug in die Wiesenstraße 4
1951 Willi Stamm übernimmt den Laden
1957 Umzug in die Räume einer ehemaligen Schlosserwerkstatt in der Wiesenstraße 10
1976 Heinrich Adam übernimmt den Betrieb von seinem Vater
2001 Helga Stamm und Tochter Christa übernehmen das Geschäft
Am 30. Juni 2003 wird "Eisen Werner" schließen

Info: Der Räumungsverkauf endet am 14. Juni. Am 30. Juni 2003 schließt Eisen–Werner endgültig seine Pforten.

Kontakt: Eisen-Werner, Wiesenstraße 10, Tel. 069- 45 94 37.


 


 

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